Stereotyp – Schatten in der Nacht

Mein Vokabular. Ich bin dabei, es zu reflektieren. Dies ist der erste Versuch.

Da ist ein Wort, das in meinen Texten immer wieder auftaucht. Wie sich jetzt herausstellt, das schlimmste Wort, die schlimmste Bezeichnung, die man einem Menschen zuteil werden lässt.

Stereotyp.

Die Verdoppelung mit dem einzigen Zweck der Verdoppelung. Synonyme sind “angepasst” oder “konform”, wobei diese Begriffe noch etwas Positives beinhalten. Ein Mensch kann sich aus gutem Grund anpassen oder konform sein. Aber ein stereotyper Mensch ist eine wandelnde Blaupause ohne an sich den Anspruch zu haben, eine solche zu sein. Oder gar in der Lage sein zu wollen, den Nutzen einer Blaupause verstehen zu können.

Sie wollen einem dummen Etwas genügen, das nicht mal ansatzweise als Ideal gelten könnte. Denn um eine Blaupause zu sein, müsste man idealerweise idealistisch genug sein, seinen eigenen Zweck zu kennen und diesen zu hinterfragen. Stereotype Menschen übernehmen äußere Dummheit und sind nach innen unmündig zugleich. Erkenntnis in der Welt, Erkenntnis an sich, ist ihnen fremd. Ihr Mangel an Individualität ist ein Mangel an Menschsein. Sie sind talentfrei und haben bestenfalls die tiefgreifende Disziplin auch mit noch so viel winkenden Zaunpfählen vor den Augen, ihr Stereotyp zu bewahren. Am Ende, wenn diese Menschen nicht mehr da sein werden,  ist die Erinnerung an solche Menschen nichts weiter als die Erinnerung an pure Zeit. Pure substanzlose Zeit. Ein “vorsichhingelebtes” Leben.

Es gibt nur einen Typus Mensch, der noch schlimmer ist: derjenige, der stereotyp sein will, aber es nicht schafft. Dieser bleibt ein Abbild, ein Püppchen, ein Klumpen Fleisch, der das angestrebte stereotype Bild in dem Ergötzen an der Behäbigkeit anderer dumpf ertränkt. Der abends in den Sessel sinkt und sich fragt, ob Bata Illic Kakalaken fressen wird. Der selbst, sogar talentfrei im Erkennen des eigenen Nicht-Talentes, sich an Menschen, die ein Supertalent zu haben glauben, ergötzt.

Stereotyp impliziert den fortwährenden Vergleich. Mich mit dem Nachbarn, mich mit der Intention eines beiläufigen Witzes über mich, den ich mal wieder heranziehe, um die Weltverschwörung an mir als wahren Grund für das triste Dasein überzustrapazieren. Mich, die ich Püppchen sein will, eine Marionette, die Barbie aus Kindheitstagen, als die Welt noch in Ordnung war, als man das Pony noch nicht gegen ein Statussymbol ausgetauscht hatte. Als man noch glaubte, man wird als Rockstar die Welt verändern, ein Damals, das beinahe wehtut, wenn man es hört in Musik, es sieht in vergilbten Fotos.

Die Unmündigkeit, an der der kultivierte Mensch leidet, ist ergänzt worden, um den fortwährenden Vergleich von dem man weiß, von dem man spürt, dass er nichts bringt. Die armselige Kultur, die uns abends – in HD, Flat – beschallt ist die Kulisse des stereotypen Menschen, des Mitläufers, der, der vor wenigen Jahrzehnten noch Kanonenfutter gewesen wäre. Derjenige, dem die Sensibilität des Wesentlichen fehlt.

Der Mensch heute, stereotyp oder möchtegern – er ist die Blaupause des Nichts. Stereotyp ist in meinem kleinen, bescheidenen Universum eines Dorfpoeten das mit Abstand schlimmste nur vorstellbare Wort, mit dem man einen Menschen belegen kann. Stereotyp. Ein Mensch – nur Schatten in der Nacht.

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