Die Bonner Republik – Einblicke in das Leben und Wirken zweier sozialdemokratischer Kanzler

Vor der Deutschen Einheit gab es die Bonner Republik. Zu dieser hochinteressanten Zeit gibt es unzählige Biographien und Abhandlungen. Drei Bücher der jüngeren Vergangenheit sind Thema dieser umfassenden Rezension. Anekdoten von und mit Helmut Schmidt, der private Willy Brandt und die Erinnerungen eines Egon Bahr. Wer abseits der bekannten, historischen Fakten einen tieferen Einblick in die Hochphase der Bonner Republik wünscht, der ist mit diesen drei Büchern bestens bedient.

 
Von Peter Killert.
 
Als Helmut Schmidt einmal ...Wussten Sie, dass der leidenschaftliche Pianist Helmut Schmidt einst in den Abbey Road Studios musiziert hat? Unser Bundeskanzler im berühmten Studio, wo das letzte Meisterwerk der Beatles eingespielt wurde? – Das ist in der Nachrichtenwelt 1982 leider komplett untergegangen. Denn als die Katze aus dem Haus war, publizierte einer der führenden Köpfe der FDP, die damals mit der FDP eine Koalition bildete, sein neues Strategie-Papier – während Schmidt sich also im Jazz übte, vollendete Otto Graf Lambsdorff den Bruch der sozial-liberalen Koalition. Nur eine von vielen schönen Anekdoten in dem Buch „Als Helmut Schmidt einmal …“ von Jost Kaiser.
 
Berichtet wird, wie Schmidt sich mit Brandt über die tiefroten Studenten streitet. Oder wie Schmidt den amerikanischen Präsidenten abblitzen lässt und nicht in der Air Force One mitfliegen will, weil für Jimmy Carter einst die Flugbereitschaft der Luftwaffe nicht gut genug gewesen war. Oder als Schmidt, vor wenigen Stunden erst durch ein konstruktives Misstrauensvotum von Kohl gestürzt, eincheckt um nach Hause zu fliegen. Economy Class versteht sich. Und immer wenn Schmidt nach Hause kam, ging er zum Kühlschrank und aß ein Eis. Nicht selten spielte er mit seiner Frau Loki Tischtennis, anstatt im Pool des modernen Kanzler-Bungalows zu schwimmen.
 
Ein kurzweiliges Buch, das mit den vielen Kleinigkeiten, die es enthält, den Menschen Schmidt näher bringt. Es enthält nichts wirklich Wichtiges, keine weltbewegende Geschichte, wegen der die Geschichtsbücher neu geschrieben werden müssten, sicher nicht. Aber das ist auch gar nicht die Intention des Autors.

Jost Kaiser: „Als Helmut Schmidt einmal …: Kleine Geschichten über einen großen Mann“, Heyne Verlag, 2012.

 
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Die Familie Willy BrandtGanz anders das Buch „Die Familie Willy Brandt“ von Torsten Körner. Er will den Privatmann Willy Brandt zeigen. Gleich zu Beginn eine zu erwartende Einschätzung: Brandts Familie war die Partei. Diejenigen, die bei der Beerdigung Brandts am meisten weinen, sind seine Parteigenossen. Die Welt kennt Willy Brandt, doch wer kennt seine Welt? – Diese Frage ist Leitmotiv des Buches. 
Dass die Familie die Antwort liefern könnte, liegt auf der Hand. Körners Buch bleibt aber merklich distanziert, ebenso wie es die Söhne von Brandt sind. Matthias Brandt etwa, der jüngste der Söhne, gerade eben erst als bester deutscher Schauspieler geehrt, steht am Grab seines Vaters – „Unser Willy“. Das ist keine Ironie oder lakonische Distanz – es ist schlicht eine Tatsache, dass der Begriff „Familie“ für eine Vaterfigur wie Brandt viel weiter gefasst werden muss.
 
Die Distanz entsteht also durch Öffentlichkeit. Zu der öffentlichen Person Willy Brandt hat auch die Familie die entsprechende Distanz. Sonst hätte Matthias Brandt wohl niemals in einem Fernsehfilm als Schauspieler in die Rolle des Günter Guillaume schlüpfen können. Aber, so räumt der Autor ein, würden vermutlich alle Kinder von Willy Brandt eine andere Geschichte von ihrem Vater erzählen. Brandt war von Geburt an „Der Verlassene“ und verließ sich wohl größtenteils auf sich selbst. So schwebt sein Gemütszustand zwischen hoher politischer Motivation und tiefer persönlicher Depression. Vermutlich – und das sehen heute viele Zeitzeugen so – war es kein ostdeutscher Spion, der Brandt zu Fall gebracht hat. Es war wohl eher eine depressive Grundhaltung. Aber diese Haltung war eben keine manische Haltung, die in Verzweiflung ausgeartet wäre. So sehr war Brandt dann doch wohl Familienmensch, bodenständig und geerdet.
 
Dieses Buch ist kein politisches Buch. Auch hier gibt es zahlreiche Anreicherungen durch Anekdoten – nichts, was die Zeitgeschichte maßgeblich ändern würde. Aber sehr lesenswert für alle Menschen mit Interesse an Zeitgeschichte.

Torsten Körner: „Die Familie Willy Brandt“, Fischer-Verlag 2013.

 
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Das musst Du erzählen

Laut der Familie Willy Brandts soll dieser noch auf seinem Sterbebett gesagt haben, dass sein einziger Freund sein Weggefährte Egon Bahr gewesen sei. Egon Bahr, der auch heute noch mit präzisen Interpretationen des Zeitgeschehens in Talk-Shows zu sehen ist, hat mit „Das muss Du erzählen …“ seine Erinnerungen an Willy Brandt aufgeschrieben.

 
Das Buch ist im Gegensatz zu den beiden anderen doch mehr an Fakten und politischen Abläufen orientiert. Bahr ist nun mal kein Romancier und seine Erinnerungen bestätigen eindringlich die Vermutungen, die man während der Kanzlerschaft Brandts bereits in der Presse lesen konnte. Eine zentrale Figur, die Brandt das Leben als Kanzler schwer gemacht hatte, war der mächtige Herbert Wehner, mit dem Bahr hier abrechnet. Berühmt geworden ist die Szene, in der Herbert Wehner als Fraktionsvorsitzender den gerade zurückgetretenen Willy Brandt begrüßt. Die Kamera schwenkt in den Raum und zeigt den weinenden Egon Bahr. Der weint aber nicht, weil Willy Brandt nicht mehr Kanzler ist, sondern weil er Wehners Heuchelei nicht ertragen kann.
 
Man muss bei diesen Erinnerungen – im Gegensatz zu den beiden anderen Büchern – bedenken, dass hier jemand, der auf Tuchfühlung mit der Macht diese Zeit erlebt hat, die Dinge natürlich sehr subjektiv beschreibt. So sind es nicht so sehr die Erinnerungen an Willy Brandt, die dieses Buch prägen, sondern es ist in viel stärkerem Maße die Darstellung eines wichtigen Abschnitts der Bonner Republik mit den Augen Egon Bahrs. Es sind viel mehr tiefe Eindrücke statt Erinnerungen, schon interpretiert und nicht mehr kommentierbar von Brandt oder Wehner. Dennoch auch hier gilt: sehr lesenswert.

Egon Bahr: „Das musst Du erzählen …“, Ullstein-Verlag, 2013.

 

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